Umarme die Luft, geh, ohne Grenzen
Winke ihr das letzte Mal zu
Und ich setze mich hin
Und über mir ein jubelnder und winkender Wind
Alle auf ! Und ich versuche zu zaubern
Liebeserklärung an den Wind
Auf ! Ihr Bäume, jetzt werdet ihr mein Weg sein
Gedanke verschone mich
Dass ich kein Ziel nennen kann

Während der Dreharbeiten für den Film „Diese Gedichte“ 1975 spontan gedichtet und rezitiert.  

MALEREI

Zur Malerei von Vlado Kristl 

Das Frühwerk von Vlado Kristl wird öfters kommentiert als sein Spätwerk. Die Arbeiten der 50er Jahre, die im Kontext der Gruppe EXAT 51 und etwas später im Zusammenhang mit den Neuen Tendenzen entstanden, sind fassbar und kunsthistorisch bequem einzuordnen. Die Bilder danach, ab 1963, haben mit seiner Übersiedlung nach Deutschland und seiner Auseinandersetzung jenseits des eisernen Vorhangs zu tun. Sie waren stiloffener, einzelgängerischer und somit weniger kontextualisierbar.

In den 1950er und Anfang der 1960er Jahre beschäftigt er sich mit geometrischen Abstraktionen, die nahtlos an die Traditionen des Konstruktivismus, des Bauhauses und anderer europäischer Avantgarden anschließen. Elementarisierung, Rasterstrukturen, Monochromie sind Stichworte, mit denen sich die disziplinierte Stringenz dieser eindrucksvollen Werkphase beschreiben lässt. Mit diesen Arbeiten hat Kristl einen entscheidenden Beitrag zur bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts geleistet. 

Retrospektiv ist der Bruch mit den Neuen Tendenzen zeitlich sehr präzise. Ab seiner Ankunft 1963 in München ändert Kristl radikal seinen Stil.  

Kristl schliesst sich sofort der Münchener Experimental- und Underground-Szene an, und prägt somit eindeutig das künstlerische Schaffen der 60er und 70er Jahre in der BRD. Seine Malerei schwenkt ins Figurative um, mit intensivem Kolorismus. Kristl bewegt sich in der Richtung des gegenständlichen Neoexpressionismus, allerdings mit humorgeladenem und provokativem Hintergrund. Das ist der Grund warum oft Parallelen zu früheren Werken von Georg Baselitz gezogen werden. Da Kristl seine Figuren, die hauptsächlich weiblich, jung und schön sind, surrealistisch transformiert, spürt man auch eine Verbindung zu Marc Chagall.

Kristl malt Ölbilder, zeichnet unendlich und stellt zahlreiche Plakate und Siebdrucke her. Einerseits sind seine Produktionen politisch und gesellschaftskritisch engagiert, andererseits malt er auch Blumenstilleben, Landschaften, Mädchen, Katzen und erstellt bombastische Rahmen aus den verschiedensten Materialien.

Wenn man zurückblickt, zeigt es sich, dass besonders diese « pseudo-süsslichen » Werke den Kunstbetrieb provoziert und verunsichert haben. Kristl wurde zu einem der Vorläufer der in Deutschland der 80er Jahre sehr populären Bewegung des « Bad Paintings » gezählt, was aber nicht unbedingt in seinem Sinn war. Trotzdem hat es dazu geführt, dass er 1979 eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg erhielt.

Bis zu seinem Lebensende sucht Kristl in der Malerei weitere Horizonte. In der letzten Schaffensphase, die er hauptsächlich in Südfrankreich verbrachte, greift er auf ältere Gemälde zurück, um Neues aus dem schon Entstandenen herauszuholen. Mit heutigen Augen betrachtet, besteht ein klarer Zusammenhang  zu den « Destructive Art » – Künstlern des 20. Jahrhunderts.  Auch wenn der Ausdruck nicht derselbe ist, gibt es Parallelen z.B. zu Gustav Metzger oder John Latham, die mit den selben Beweggründen in Aktion treten.

 Doch nachdem Vlado Kristl sich niemals einem Stil unterordnen lassen wollte, besteht auf dieser Webseite der Vorschlag, jedwede Klassifizierung fallen zu lassen und sich frei zu fühlen, seine Bilder auf persönliche Art zu entdecken bzw. zu erleben.

Es gilt als roter Faden folgendes : Kristls künstlerische Arbeit ist immer als ganzheitliches Gebilde anzusehen und richtet sich gegen jedwede Programmierung und Normierung. Was er malte, filmte, dichtete, sagte und tat, war einerseits auf Entgrenzung und andererseits gegen konventionelle Erwartungshaltungen gerichtet. 

"Leopoldstrasse, illustrative akademische Art (rechts Porträt von Angela Davis)", München 1971, Öl auf Leinwand, 100 x 131 cm
"Die letzte Fähre", 1983 Hamburg, Öl auf Leinwand, farbige glasierte Keramik, Metall, 138 x 132 cm
"Der Dichterling", Öl und Bleistift auf Malkarton, 33 x 41 cm
Vlado Kristl,1962, "Varianten und Variabile", Galerie der zeitgenössischen Kunst, Zagreb. Foto : Tošo Dabac

Filme

Zum Film kam Vlado Kristl als Zeichner. Mit seiner Animationsarbeit für Zagreb Film machte er sich auf internationalen Filmfestivals schnell einen Namen. Sein erster Realfilm, „Der General und der ernste Mensch“, stiess in Jugoslawien auf politischen Widerstand und führte zu Kristls Exil. In München drehte er im Umfeld des Jungen Deutschen Films mehrere Kurz- und Langfilme und erreichte einen Kult-Status als radikaler Filmemacher. Auch später in Hamburg, dann in Südfrankreich und kurz vor seinem Tod wieder in München, drehte er kontinuierlich Real- und Zeichentrickfilme. Insgesamt kommt man auf eine Anzahl von über 40 Kurz- und Langfilmen. Kristls Filme werden regelmässig auf internationalen Film-Festivals gezeigt. 

„Der General und der ernste Mensch“ – „General i resni človek“, Jugoslawien 1962. 

Poesie

Zu der Dichtung von Vlado Kristl

Vom zeitlichen und örtlichen Standpunkt betrachtet, lässt sich die Lyrik von Vlado Kristl vorerst auf 2 Schaffensperioden aufteilen : Die Anfänge bestehen aus 2 Gedichtbänden, die in Kroatien und auf kroatisch erschienen sind. Alles, was folgte, schreibt und veröffentlicht Vlado Kristl in deutscher Sprache und in Deutschland. Das ist damit verbunden, dass  Vlado Kristl mit 40 Jahren für immer Zagreb im ehemaligen Jugoslawien verlässt, nach Deutschland emigriert und nie mehr zurückkehrt.   

Der Unterschied, der sich zwischen den beiden auf diese Weise getrennten lyrischen Perioden von Vlado Kristl zeigt, basiert vielleicht weniger auf sprachlichen, kulturellen oder politischen Hintergründen, als viel mehr auf der Tatsache, dass seine ersten Gedichtbände « Neznatna lirika » – («Unbedeutende Lyrik ») und « Pet bijelih stepenica » – (« Fünf weisse Treppenstufen ») von einem jungen Mann geschrieben wurden. Einem, dem die glücklichen Orte seiner Kindheit noch nah und in ihrem ganzen Glanz greifbar sind. Einer, der noch in der Lage ist, zu hoffen, zu träumen und Liebesgedichte zu schreiben. Einer, der Utopien entwirft und auch an sie glaubt.

Ab 1965 erscheinen Vlado Kristls erste in Deutschland geschriebenen Gedichte. 1966 erscheint in der Edition Wolfgang Längsfeld (München) der Gedichtband « Geschäfte, die es nicht gibt », desweiteren regelmässig  im Eigenverlag herausgebrachte Gedichtbände. Vlado Kristl schreibt aber auch für fremde Publikationen, er macht mit, wo und wann es eine Möglichkeit für eine Veröffentlichung gibt.

Vlado Kristls Gedichte sind von einer für ihn typischen feinen Ironie unterlegt und manchmal von einem aggressiven, klagenden Ton begleitet, der beweist, dass der Autor fremd ist und fremd bleibt. Während Kristls jugendliche Poesie noch in keiner engeren Beziehung zu seiner Malerei und seinem Filmschaffen steht – da ist sie nämlich selbständig und stammt aus eigenen Quellen, werden in Deutschland in dieser Hinsicht andere Entwicklungen stattfinden. Alles, was Kristl in verschiedenen künstlerischen Richtungen macht und kann, wird zunehmend zusammenrücken und parallel entstehen. In einem seiner späteren Zeichentrickfilme sieht man nur Blätter mit Zeichnungen und Gedichten, die die ganze Filmleinwand füllen. Als ob die einzige Funktion des Filmes wäre, der Poesie und der « wahren Kunst » zu dienen.

Thematisch und metaforisch ist Vlado Kristls ganzer Opus vom gleichen roten Faden durchzogen : Leben, Tod, Unendlichkeit, Vögel, Tiere, Meere, Wolken, offene und abgeschlossene Fenster und Türen. Es geht vor allem auch um Revolutionen, Aufstände und den «Widerstand  eines Einsamen», dieses zunehmend wichtige Thema für Vlado Kristl.

«ICH ist das einzige Leben im Weltall» erklärt er zum Motto eines im Selbstverlag erschienenen Gedichtheftes ; oder «Mensch ist nur das ICH» an einer anderen Stelle. Wo immer Ungerechtigkeit herrscht oder gegen freie Kreativität Barrieren aufgestellt werden, hat dieser ICH-Mensch Widerstand zu leisten.

1969 kreiert Vlado Kristl das grafisch und zeichnerisch einmalig schön gestaltete Buch, «Mundmaschine», als Begleiterscheinung zu seinem parallel entstandenen Zeichentrickfilm «Die Utopen», direkt aus dem Filmmaterial gemacht.  Hier findet man den oft zitierten Satz : «Ein misslungener Aufstand ist immer noch besser als die dicke Luft im Paradies »

Vlado Kristl sucht immer neue Wege, experimentiert beim Schreiben seiner Gedichte, zerschlägt sie, zieht eine lyrische Einheit ins Gegenteil, kürzt sie, damit die Aussage bis zur Unkenntnis offen steht und das Gedicht anders funktioniert.

Vielleicht gehört Kristls frei-assozierte Poesie, die er meistens im Freien spontan und aus dem Stehgreif gesprochen hat, zu seinen vollendetsten Gedichten. Diese wurden aufgenommen in Form von Texten, die er bei Dreharbeiten direkt ins Tonband gesprochen hat – so wie «Umarme die Luft» – siehe ganz oben.